Die Semai:
Lockere Lebenskünstler in Malaysias Urwald

 


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Sie leben im tiefen Urwald; mit Giftpfeil und Blasrohr jagen sie Affen und Vögel. Sie wohnen in Langhäusern aus Holz ohne Privatsphäre eng beieinander: Die Semai auf der Halbinsel Malaya im Nordwesten Malaysias sind „Wilde“, wie arrogante Europäer sagen würden. Verschiedene Probleme, die unsere Zivilisation heute grundlegend bedrohen, haben die Semai indessen so geschickt gelöst, dass wir von ihnen eigentlich lernen könnten und sollten. Stattdessen möchte die Regierung Malaysias die Lebenskünstler aus ihrem Urwald locken, sie „entwickeln“ und in die Konsumgesellschaft integrieren. Das aber dürfte schwer fallen: „Starkes Gelände“ schützt die Semai wirksam von den „Segnungen“ moderner Zivilisation und Technik.

Etwa ein Drittel der Semai lebt östlich der Cameron Highlands im unzugänglichen Regenwald. Dort hat sie der US-amerikanische Ethnologe Robert K. Dentan verschiedentlich besucht, mit ihnen gelebt und sie beschrieben. Dentan, der bei den Semai zu Beginn der sechziger Jahre erstmals „participant Observation“ (teilnehmende Beobachtung) betrieb, war nicht der erste Forscher, der die interessanten Leute und ihre Lebensweise studieren wollte: H. D. Noone war schon kurz nach 1930 auf die Semai gestossen, und P. D. R. Williams Hunt hatte sie zu Beginn der fünfziger Jahre besucht. Für die Wissenschaft waren diese Expeditionen jedoch kaum ein Gewinn. Beiden nordamerikanischen Forschern hat es bei den Waldmenschen so gut gefallen, dass sie gleich bei ihnen blieben.

Die Semai sind so genannte „shifting cultivators“ oder Brandroder: Sie roden ein Stück Urwald („Jörös“ in ihrer Sprache) und bauen dann während zwei oder drei Jahren jeweils in Mischkulturen Reis, Mais und Kürbisse an. Dann verlassen sie ihre Siedlung und die Felder, ziehen weiter und lassen sich in einer unberührten Gegend – meist an einem Fluss – nieder. Beeren und Pilze aus dem Urwald ergänzen ihre frugale Menükarte. Als Haustiere halten sie sich Schweine, Hühner und seltener Ziegen. Mit aus Blasrohren verschossenen Giftpfeilen jagen sie zudem Vögel und Affen. Die Dörfer der Semai bestehen aus leicht gebauten Langhäusern, in denen bis zu vierzig Leute leben können. Sie werden aus Bambusrohren zusammengebunden. Der Fussboden aus federndem Bambus liegt meist einen bis zwei Meter über der Erde, das Dach besteht aus Palmenblättern. Neuerdings sieht man auch kleinere Häuser, in denen nur noch fünf oder sechs Leute leben. Familien in unserem Sinne gibt es aber nur bei den integrierten, sesshaften Semai. Im Urwald betrachten die Kinder generell die Erwachsenen ihres Dorfes als „Eltern“. Begriffe wie „Familienoberhaupt“ oder „elterliche Gewalt“ sind bei den Semai unbekannt. Ihr Erziehungsgrundsatz lautet: „Sobald ein Kind gehen und sprechen kann, soll man es in Ruhe lassen, es wird sich schon selbst entwickeln“.

Für das Zusammenleben der Semai in der Dorfgesellschaft und im Flusstal gibt es auch kaum bindende Regeln. Einziges Gebot ist die generelle Zurückhaltung und Scheu gegenüber „Mai“ (Fremden) und Nichteinmischung in Angelegenheiten anderer Menschen („Hai Mai“). Wo es dennoch Streit gibt, rät die Sitte zu defensiver Reaktion, und notfalls greifen ältere und entsprechend respektierte Leute im Dorf ein – jedoch meist nur beratend, ohne Androhung von Sanktionen. Sie hätten dazu auch gar keine Machtmittel. Die Semai kennen keinen Dorfältesten. Die Produkte der gemeinsamen Landwirtschaft gelten als Allgemeingut. Und gewaltsame Auseinandersetzungen sind gänzlich verpönt, gelten als „punan“. So sind denn in den letzten Jahrzehnten unter der Semai-Bevölkerung weder Körperverletzungen noch gar Totschlag bekanntgeworden. Einzig ein englischer Abenteurer, der jahrelang mit den Semai zusammenlebte, sei von diesen schliesslich getötet worden, wird berichtet. Ob dem so ist und unter welchen Umständen es dazu kam, ist jedoch nicht klar. Fest steht bloss, dass der Mann plötzlich verschwand. So oder so: Gewaltfreiheit und generell defensive Haltung der Semai erstaunten Forscher, die mit ihnen lebten, ebenso wie Wilderer oder Soldaten, denen sich wehrlose Semai in den Weg gestellt haben sollen mit den Worten: „Tötet mich, aber lasst die ändern Semai in Ruhe“. Dentan schrieb sein Buch daher unter dem Titel „Die Semai – Ein gewaltfreies Volk aus Malaya“.

Diese friedliche Gesellschaft, in der sich die Menschen ohne Polizei, ohne Autoritäten und ohne Gerichte gegenseitig leben lassen, steht aber auch mit ihrer Umwelt im Einklang – oder umgekehrt: Die gerodeten kleinen Flächen der Semai-Grabstockplantagen werden vom Urwald innert zehn Jahren wieder überwuchert. Gegenüber der Tierwelt des Regenwaldes gilt das Semai-Prinzip der Nichteinmischung ebenso wie unter den Menschen. Und in ihren Bewusstseinsüberlieferungen erscheint der Mensch nicht als Beherrscher des Urwaldes, sondern als integrierter Teil der gesamten Pflanzen- und Tierwelt. „Defekte, wie und wo immer sie auftreten, werden von noch intakten Dorfsystemen niemals ausgelöst“, stellt denn auch der bundesdeutsche Wissenschafter Dietrich Kühne in seinem umfassenden Werk über die Geographie und Wirtschaft Malaysias fest: „vielmehr bilden solche Dorfsysteme ein äusserst ausgewogenes Lebensgefüge, in dem Umwelt, Produktionsweise, soziale Organisation und Bevölkerungsdynamik perfekt aufeinander abgestimmt sind. Ungestört sind sie absolut umweltfreundlich“.

In weiten Teilen ihres Gebietes haben Semai die Chance, noch lange ungestört zu bleiben. Wo sie leben, bedeckt nämlich dichter tropischer Regenwald steil abfallende, zerklüftete Flusstäler. Während der Regenzeit verwandelt sich der rötliche Boden in eine glitschige Paste, auf der man bloss mit nackten Füssen oder mit Fussballschuhen weiterkommt. Dieses „starke Gelände“ schützt den Wald und seine Bewohner von Holzfällergesellschaften, die in Malaysia einen wichtigen Wirtschaftszweig darstellen, rund 10’000 Personen beschäftigen und jährlich gegen 30’000 Tonnen Holz schlagen: Im Semai-Land wäre der Strassenbau für den Abtransport des Holzes meist zu kostspielig. Und die malaysische Regierung, der die gesamten Tropenwälder gehören, hat jetzt bereits 1,9 der insgesamt 6.4 Millionen Hektaren Wald (48% des malaysischen Territoriums) unter Schutz gestellt, um die „Wasserversorgung, die Bodenfruchtbarkeit sowie die einzigartige Fauna und Flora des Landes zu schützen“, wie es in einem Regierungsbericht heisst. Gewinnbringend abbaubare Bodenschätze gibt es im Semai-Land ohnehin nicht.

So hat die Regierung in Kuala Lumpur denn auch andere und wichtigere Sorgen als die Integration der Sami und anderer Orang Asli (Waldmenschen) in die Industriegesellschaft. Immerhin: Beim zentralen Orang-Asli Departement betont man, Schulung, Förderung und Entwicklung sowie Integration der Waldmenschen seien die Hauptaufgabe dieser Verwaltungsstelle. Es gebe auch bereits Semai-Lehrer, und im 58köpfigen Senat des Landes sitze immerhin ein Orang Asli. An- und Umsiedlungsprogramme für Orang Asli versuchte die Verwaltung auch schon durchzuführen. In weiten Teilen des Regenwaldes beschränkt sie sich jedoch auf eine ambulante medizinische Versorgung der Ureinwohner und ein mehr oder weniger erfolgreich angebotenes Schulprogramm. Die Integration der Semai vollzieht sich so mehr schleichend als planmässig. Sie beginnt meist damit, dass Orang Asli wachsende Teile ihrer Feldfrüchte und Jagdbeute den wenigen Urwaldstrassen entlang fahrenden Händlern verkaufen und von ihnen Zigaretten, Limonade, aber auch etwa Nägel und Werkzeuge für den Hausbau sowie Kleider kaufen. In dieser ersten Phase der Akkulturation behalten sie ihre „shifting cultivation“ ebenso wie die meisten ihrer Sitten und Gebräuche. 

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Semai Wohnhütte