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Yoga

Die universale Wissenschaft der Wirklichkeit


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Individuelles Leben - Universales Leben

Betrachten wir den Kreislauf des Wassers: Feuchtigkeit verdunstet, sammelt sich in der Atmosphäre an, bildet Wolken und fällt als Regen wieder auf die Erde zurück. In diesem Zyklus haben Wassertropfen eine kurze und stürmische Existenz. Sie sind bedroht von Windböen und vor allem vom sicheren Tod, der sie beim Aufprall auf die Erde erwartet. Die Existenz des Wassers als Tropfen könnten wir mit der Existenz der Jivas im Samsara vergleichen, die ebenfalls ein Zyklus von Geburt und Tod ist.

Allerdings passiert beim Wassertropfen etwas anderes, wenn dieser in einem Ozean hinabfallt. Natürlich muss die Furcht vor dieser unendlichen Wassermasse gewaltig sein, besonders aber das Verschwinden der individuellen Daseinsform. Denn beim Verschmelzen mit dem Ozean wird die individuelle Existenz des Wassertropfens jäh beendet: Es wird zum unendlichen, in sich ruhenden Ozean. Führte es vorher ein bedrohtes, kurzzeitiges Leben, hat es nun eine unermessliche Kraft erlangt. Etwa so könnte man sich bei Moksha das Erwachen in die Unendlichkeit vorstellen.

Wenn uns aber bereits die Vorstellung einer transzendentalen Existenz an die Grenze unseres Vorstellungsvermögens führt, scheint die Idee einer Existenz jenseits des individuellen Ego-Bewusstseins völlig ausser Reichweite zu sein. Das liegt daran, dass sogar das Vorstellungsvermögen letztendlich eine Funktion des Egos (Ahamkara) ist. Im Laufe der Yoga-Askese gerät das Ego unter Dauerbeschuss. Denn das Ego muss weichen, um der universalen Existenz Platz zu machen. Dies lässt sich das Ego aber nicht gefallen und zieht sämtliche Register, um sein Überleben zu sichern. Dies sind die bekannten Hindernisse des Yoga-Weges. So ist es, dass ein Sucher, der sich ernsthaft um die Verwirklichung des Absoluten bemüht, in die schlimmsten Exzesse von Sinnesorgien, Egotrips oder sogar asozialem Verhaltens zurückfallen kann. Er kann allen Ernstes zur Überzeugung gelangen, dass er die Welt vor dem Untergang retten muss. Wie die Agenten in der Matrix scheint es im Samsara eine Art Schutzfunktion zu geben, dessen Rolle es ist, ein Ausscheren zu verhindern. Der Versuch, das Yogaziel zu erreichen, wird verglichen mit der Aufgabe, einen Ozean unter Mithilfe eines Grashalmes zu entleeren, einen wilden Stier zu zähmen oder auf seine eigenen Schultern zu klettern. Obwohl furcht erregend, sind diese Beispiele nicht weit von der Wahrheit entfernt. Deshalb sind die ersten zwei Sprossen von Patanjali’s Leiter die Verhaltenskodex Yama und Niyama. Dies hat nichts mit Moral zu tun, es sind weise Anleitungen zur Mässigung des Egos.

Handkerum kann man sich fragen, wieso es überhaupt zu einer individuellen Existenz kommen sollte. Vom universalen Standpunkt aus gesehen, wäre dies ein Unsinn sondergleichen. Betrachten wir den menschlichen Organismus in seiner Ganzheit. Mit der Präzision eines Uhrwerkes sind sämtliche Organe aufeinander abgestimmt. Alle funktionieren harmonisch, um den Fortbestand des Körpers zu sichern. Die Organe haben kein individuelles Bewusstsein, sie sind Teil des Ganzen. Nehmen wir jetzt mal an, dass beispielsweise die Niere ein individuelles Bewusstsein entwickeln würde. Sie hätte es bald satt, sich dem Diktat des Gesamtorganismus zu beugen und würde sich die Freiheit nehmen zu funktionieren und zu ruhen, wann es ihr passt. Wenn nun andere Organe wie die Leber und das Herz diesem Beispiel folgen würden, wäre das Chaos vorprogrammiert! Es müssten Gesetze erlassen werden, welche Arbeits- und Ruhezeiten regeln. Auch müssten Ordnungshüter eingesetzt werden, die dafür sorgen, dass die Gesetze eingehalten werden. Es ist nicht schwierig zu erraten, wo wir hier gelandet sind!

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